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11. Mai 2004, 02:14, Neue Zürcher Zeitung

Gibt es einen Mehrwert von E-Learning?

Ketzerisches zu einer trendigen Lernform

Von Bruno Prowaznik, Wien*

E-Learning, also Lernen mit Hilfe des Internets, wurde in den letzten Jahren für den Schulunterricht bis hinauf zu den Universitäten hoch gelobt und vielfach als Lösung aller pädagogischen Probleme gepriesen. Insbesondere in Zeiten wie diesen, da im Zuge der Globalisierungswelle auch die Privatisierung der Universitäten für manche Bildungspolitiker durchaus als erstrebenswertes Ziel gilt, verspricht man sich vom E-Learning nicht zuletzt Rationalisierungseffekte, durch welche die strapazierten Budgets der Universitäten entlastet werden könnten. Diese Hoffnung schliesst vielfach an entsprechende Erfahrungen aus dem Bereich der betrieblichen Weiterbildung an, denn die Einbeziehung von E-Learning in firmeneigene Ausbildungsaktivitäten bis zum «Knowledge Management» kann tatsächlich zu Einsparungseffekten führen.

Eine verdeckte Kostenfalle

Was die Bildungspolitiker dabei übersehen, ist der Umstand, dass im universitären Bereich völlig andere Rahmenbedingungen gegeben sind, die dazu führen, dass E-Learning dort wesentlich teurer zu stehen kommt als jede Art traditioneller «Präsenzveranstaltungen». Solange die teilweise recht ermutigenden Pilotprojekte an Universitäten noch aus Sonderbudgets finanziert werden, wie das heute allgemein üblich ist, tritt dieser Umstand nicht klar genug zutage. Wer selbst sogenannte «virtuelle Lehrveranstaltungen» geplant und durchgeführt hat, kommt aber aufgrund einer Kostenaufstellung zum Schluss, dass flächendeckendes E-Learning die Budgets der Hochschulen schlicht und einfach sprengen würde.

Das ist die erste schlechte Nachricht. Es kommen aber noch einige andere: Die zweite: Der Mehrwert des E-Learning als solches konnte bisher nicht erwiesen werden, warum sollte man sich denn überhaupt darauf einlassen? Entgegen gängigen Behauptungen kommen diejenigen, die bereits Erfahrungen mit E-Learning gesammelt haben, zu dem Schluss, dass man als Hochschullehrer enorme zusätzliche Anstrengungen unternehmen muss, um sicherzustellen, dass ein virtuelles Seminar mit all seinen durch die Technik bedingten Einschränkungen annähernd die gleiche Qualität aufweist wie ein Präsenzseminar. Zum Dritten: In Amerika, wo man mit virtuellem Lernen schon länger Erfahrungen gesammelt hat, gibt es nur eine einzige universitäre Einrichtung, an der virtuelles Lernen erfolgreich durchgeführt wird, nämlich die «University of Phoenix Online» (UPO). Alle anderen angekündigten Vorhaben sind gescheitert. Und auch die UPO hat nur dank Lohndumping, hohen Studiengebühren, Nutzung öffentlicher Ressourcen und reduziertem Niveau überlebt. Schliesslich gilt auch: Die Akzeptanz virtueller Lehrveranstaltungen durch die Studierenden ist äusserst begrenzt. Abgesehen von der technischen Ausstattung, die trotz gegenteiligen Statistiken in Studentenhaushalten noch nicht als allgemein vorhanden vorausgesetzt werden kann, sieht niemand so richtig ein, warum er auf persönliche studentische Sozialkontakte verzichten soll, um vor dem Bildschirm auf sich allein gestellt ein anonymes Studium zu absolvieren.

«Blended Learning» als Königsweg

Doch keine Regel ohne Ausnahme: So kann die Universität Linz mit dem seit 2002 angebotenen «Multimedia-Diplomstudium der Rechtswissenschaften» auf grosses Interesse hinweisen. Last, but not least zeigen die Erfolge der deutschen Fernuniversität in Hagen seit Jahren, dass nach disloziertem Studium prinzipiell Nachfrage besteht. Diese beschränkt sich allerdings auf spezielle Gruppen: Berufstätige sowie Mütter mit Kindern können Pflichtvorlesungen an Vormittagen kaum besuchen. Behinderten Studierenden erspart die Fernlehre mühevolle Anfahrten und unangenehme Integrationsprobleme, Studierende aus dem Ausland ersparen sich einen kostspieligen Wohnsitz in der Universitätsstadt und/ oder die Kosten für oftmaliges Hin- und Herreisen.

Ein Glück also für diese Studierenden, dass es «Distance Learning» - mit oder ohne Internet - gibt. Dies aber rechtfertigt nicht die irrwitzige Behauptung angeblicher «Zukunftsforscher», der gemäss bereits 2005 über 50 Prozent der Studierenden weltweit in virtuellen Universitäten inskribiert sein werden, während der klassischen Universität das Schicksal droht, auf eine Restgrösse zu schrumpfen. Gibt es also in diesem Bereich keine wirklich gute Nachricht? Doch. Beispielsweise diese: E-Learning macht Spass, vor allem, wenn es mit andern Lehrformen kombiniert wird. «Blended Learning», also «gemischtes Lernen», muss das Ziel sein. «Blended Learning» erlaubt die Integration von Elementen des E-Learning in «normale» Lehrveranstaltungen, also eine Anreicherung herkömmlicher Lehrweisen statt eines Ersatzes derselben. Bereits unbestritten ist übrigens die Verwendung des Internets als «Datenbank» für pädagogische Information: Ähnlich, wie viele von uns bereits daran gewöhnt sind, sich Informationen über die vielfältigsten Gebiete einfach aus dem Internet zu holen, können sich Studierende für sie vorbereitete Texte und sogar Prüfungsaufgaben in vielen Fällen bereits von der Universitäts-Homepage herunterladen.

* Prowaznik ist Co-Autor des Buches «E-Learning - Wunschtraum oder Realität?». Verlag & Literaturwerkstatt Infothek, Wien.

 

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