Von Bruno Prowaznik, Wien*
E-Learning, also Lernen mit Hilfe des Internets,
wurde in den letzten Jahren für den Schulunterricht bis hinauf
zu den Universitäten hoch gelobt und vielfach als Lösung aller
pädagogischen Probleme gepriesen. Insbesondere in Zeiten wie
diesen, da im Zuge der Globalisierungswelle auch die
Privatisierung der Universitäten für manche Bildungspolitiker
durchaus als erstrebenswertes Ziel gilt, verspricht man sich
vom E-Learning nicht zuletzt Rationalisierungseffekte, durch
welche die strapazierten Budgets der Universitäten entlastet
werden könnten. Diese Hoffnung schliesst vielfach an
entsprechende Erfahrungen aus dem Bereich der betrieblichen
Weiterbildung an, denn die Einbeziehung von E-Learning in
firmeneigene Ausbildungsaktivitäten bis zum «Knowledge
Management» kann tatsächlich zu Einsparungseffekten
führen.
Eine verdeckte Kostenfalle
Was die Bildungspolitiker dabei übersehen, ist der
Umstand, dass im universitären Bereich völlig andere
Rahmenbedingungen gegeben sind, die dazu führen, dass
E-Learning dort wesentlich teurer zu stehen kommt als jede Art
traditioneller «Präsenzveranstaltungen». Solange die teilweise
recht ermutigenden Pilotprojekte an Universitäten noch aus
Sonderbudgets finanziert werden, wie das heute allgemein
üblich ist, tritt dieser Umstand nicht klar genug zutage. Wer
selbst sogenannte «virtuelle Lehrveranstaltungen» geplant und
durchgeführt hat, kommt aber aufgrund einer Kostenaufstellung
zum Schluss, dass flächendeckendes E-Learning die Budgets der
Hochschulen schlicht und einfach sprengen würde.
Das ist die erste schlechte Nachricht. Es kommen
aber noch einige andere: Die zweite: Der Mehrwert des
E-Learning als solches konnte bisher nicht erwiesen werden,
warum sollte man sich denn überhaupt darauf einlassen?
Entgegen gängigen Behauptungen kommen diejenigen, die bereits
Erfahrungen mit E-Learning gesammelt haben, zu dem Schluss,
dass man als Hochschullehrer enorme zusätzliche Anstrengungen
unternehmen muss, um sicherzustellen, dass ein virtuelles
Seminar mit all seinen durch die Technik bedingten
Einschränkungen annähernd die gleiche Qualität aufweist wie
ein Präsenzseminar. Zum Dritten: In Amerika, wo man mit
virtuellem Lernen schon länger Erfahrungen gesammelt hat, gibt
es nur eine einzige universitäre Einrichtung, an der
virtuelles Lernen erfolgreich durchgeführt wird, nämlich die
«University of Phoenix Online» (UPO). Alle anderen
angekündigten Vorhaben sind gescheitert. Und auch die UPO hat
nur dank Lohndumping, hohen Studiengebühren, Nutzung
öffentlicher Ressourcen und reduziertem Niveau überlebt.
Schliesslich gilt auch: Die Akzeptanz virtueller
Lehrveranstaltungen durch die Studierenden ist äusserst
begrenzt. Abgesehen von der technischen Ausstattung, die trotz
gegenteiligen Statistiken in Studentenhaushalten noch nicht
als allgemein vorhanden vorausgesetzt werden kann, sieht
niemand so richtig ein, warum er auf persönliche studentische
Sozialkontakte verzichten soll, um vor dem Bildschirm auf sich
allein gestellt ein anonymes Studium zu absolvieren.
«Blended Learning» als Königsweg
Doch keine Regel ohne Ausnahme: So kann die
Universität Linz mit dem seit 2002 angebotenen
«Multimedia-Diplomstudium der Rechtswissenschaften» auf
grosses Interesse hinweisen. Last, but not least zeigen die
Erfolge der deutschen Fernuniversität in Hagen seit Jahren,
dass nach disloziertem Studium prinzipiell Nachfrage besteht.
Diese beschränkt sich allerdings auf spezielle Gruppen:
Berufstätige sowie Mütter mit Kindern können
Pflichtvorlesungen an Vormittagen kaum besuchen. Behinderten
Studierenden erspart die Fernlehre mühevolle Anfahrten und
unangenehme Integrationsprobleme, Studierende aus dem Ausland
ersparen sich einen kostspieligen Wohnsitz in der
Universitätsstadt und/ oder die Kosten für oftmaliges Hin- und
Herreisen.
Ein Glück also für diese Studierenden, dass es
«Distance Learning» - mit oder ohne Internet - gibt. Dies aber
rechtfertigt nicht die irrwitzige Behauptung angeblicher
«Zukunftsforscher», der gemäss bereits 2005 über 50 Prozent
der Studierenden weltweit in virtuellen Universitäten
inskribiert sein werden, während der klassischen Universität
das Schicksal droht, auf eine Restgrösse zu schrumpfen. Gibt
es also in diesem Bereich keine wirklich gute Nachricht? Doch.
Beispielsweise diese: E-Learning macht Spass, vor allem, wenn
es mit andern Lehrformen kombiniert wird. «Blended Learning»,
also «gemischtes Lernen», muss das Ziel sein. «Blended
Learning» erlaubt die Integration von Elementen des E-Learning
in «normale» Lehrveranstaltungen, also eine Anreicherung
herkömmlicher Lehrweisen statt eines Ersatzes derselben.
Bereits unbestritten ist übrigens die Verwendung des Internets
als «Datenbank» für pädagogische Information: Ähnlich, wie
viele von uns bereits daran gewöhnt sind, sich Informationen
über die vielfältigsten Gebiete einfach aus dem Internet zu
holen, können sich Studierende für sie vorbereitete Texte und
sogar Prüfungsaufgaben in vielen Fällen bereits von der
Universitäts-Homepage herunterladen.
* Prowaznik ist Co-Autor des Buches
«E-Learning - Wunschtraum oder Realität?». Verlag &
Literaturwerkstatt Infothek, Wien.