Diese "Juxkarte" fand ich vor einigen Jahren in einer Papierhandlung. Wenn ich den Autor der Karte richtig interpretiere, wollte er den Leuten vor Augen halten, auf welche Zentren sich das Leben von heute in Deutschland (schwarz-rot-gold) zu reduzieren scheint. Es ist fraglich, ob ihm dabei bewusst war, dass er damit tatsächlich die drei grundlegenden Bedürfnisse und Antriebe des Lebens getroffen hat, die weit über Deutschland hinaus weltweit Gültigkeit haben:

  • Die erste Tätigkeit entspringt dem Selbsterhaltungstrieb. Sie ist daher verständlich und überdies nichts Neues.

  • Die zweite Tätigkeit entspringt ursprümglich dem Arterhaltungstrieb. Das dürfte sich mittlerweile sogar auch bei Schwulen und Lesben schon herumgesprochen haben.

Wie aber passt die dritte Tätigkeit zu den beiden ersten? Sollte es sich dabei am Ende auch um etwas wie einen "Trieb" handeln? Beobachtet man Menschen beim Fernsehen, von welcher Leidenschaft sie oft dabei gepackt sind, so könnte man das wohl annehmen. Und bei näherer Betrachtung kommt man dann darauf: So ist es auch:

  • Die dritte Tätigkeit entstammt dem Verlangen nach Selbstreflexion. Sie beschränkt sich natürlich nicht aufs Fernsehen. Der Mensch hat viele Ausdrucksformen geschaffen, um sich selbst darzustellen. Man bezeichnet sie im allgemeinen als „Kunst“. Davon handelt dieses Buch.

Welche Kräfte stecken aber hinter dem allen? Schauen wir es uns nochmals in aller Ruhe an:

Alle drei Funktionen können überaus lustbetont sein: Über die Selbsterhaltung und die Arterhaltung muss dabei nicht mehr gesprochen werden. Doch auch die Selbstreflexion kann überaus lustbetont sein. Das beweisen Popkonzerte genau so wie die Oper, das Theater und die Monumente großer Helden, aber genau so auch die Heurigenmusik und selbstverständlich auch die "Flimmerkiste", in der wir immer wieder etwas finden, von dem wir uns angesprochen fühlen.

Die Verselbständigung der Triebe

Es ist aber offensichtlich, dass die triebhaften Neigungen nirgendwo auf ihren Grundzweck beschränkt bleiben, sondern dass sie die Tendenz haben, sich zu verselbständigen:

  • Es wird mehr gefressen, als zur Sättigung nötig ist.
  • Es wird mehr gefickt, als notwendig wäre, um die Art zu erhalten.
  • Es wird mehr Kunst produziert, als man braucht, um sich selbst darin wiederzufinden.

Die Triebe sind also zum Selbstzweck geworden - aber eben nur teilweise: Zur Selbsterhaltung muss nach wie vor gegessen werden - künstliche Ernährung ist nur im Ausnahmsfall anwendbar. Auch das Klonen oder die künstliche Befruchtung können derzeit nur ausnahmsweise zur Arterhaltung herangezogen werden. Und nicht alles, was die Flimmerkiste oder die anderen künstlerischen Veranstaltungen bieten, ist so mitreissend, dass unser Verlangen danach ungetrübt wäre.

Hohe Kunst und niedrieg Kunst

Vergessen Sie in diesem Zusammenhang zunächst, dass es sogenannte „hohe" Kunst und anderseits „populäre", also volkstümliche Kunst gibt. Das soll keinsewegs in Frage gestellt werden, aber es ist hier nicht unser Thema.

Die Allgemeingültigkeit meiner Behauptungen

 Wenn hier in diesem Zusammenhang das Wort „wir“ verwendet wird, so beduetet es nicht, dass jedem dasselbe Essen schmeckt. Ich beispielsweise kann auf gebratene Regenwürmer gern verzichten. Es bedeutet nicht, dass wir alle von denselben potenziellen Partnerinnen und Partnern in gleicher Weise angetan sein müssen, und es bedeutet auch nicht, dass jede Form von „Kunst“ jeden gleichermaßen ansprechen müsste. Mein Verlangen nach der Zelebration eines japanischen „No-Spiels“ ist beispielsweise eher begrenzt.

Selbst wenn wir prinzipiell von etwas angesprochen werden, in dem wir uns offensichtlich wiederfinden, das uns gefällt, müssen wir es nicht unbedingt zu jeder Zeit und an jedem Ort haben.

Anderseits gibt es zweifellos in allen drei Bereichen in mancher Hinsicht Konsens, also gruppenspezifische Vorlieben: Mousse a chocolate, Claudia Schiffer und der „Hymnus an die Freude“ sind bei uns allgemein recht beliebt, aber eben auch nur in unserem Kulturkreis - wohl gemerkt! Andere wieder lieben vielleicht eher Couscous, fette Weiberärsche und den Gesang des Muezzin. Jedem das Seine!

Der Begriff der "Kunst"

„Fernsehen“ ist lediglich die populärste und am leichtesten durchschaubare Form der Selbstreflexion: Im Fernsehen finden wir uns wieder. Entweder in unserer Realität oder in unseren Wünschen. Sehr oft auch in unseren Ängsten - den bewussten und den unbewussten.  

Was ursprünglich die Funktion des Theaters war - von der Tschauner-Bühne bis zum Burgtheater - die des Musiktheaters vom Musical bis zur tragischen Oper, nicht zu vergessen die des Balletts sowie der verschiedene Spezial- und Mischformen, diese Rolle wurde schließlich vor allem vom Film und später vom Fernsehen übernommen. Es handelt sich dabei zunächst also um die sogenannte „darstellende Kunst“.

Die Voraussetzung der darstellenden Kunst ist aber - zumindest in literarischer Zeit - die Literatur: Was auf der Bühne oder auf dem TV-Schirm gezeigt wird, geht meist auf „Drehbücher“ - also auf Bücher - zurück. In den Büchern finden wir, was oben gesagt wurde, ebenso wieder: Realität, Wunschvorstellungen, Ängste. Wir brauchen zwar etwas mehr Vorstellungskraft, wenn wir nicht konkrete Bilder vor uns sehen. Dafür sind wir anderseits auch wieder ungebundener, freier, wenn wir sie uns in unserer selbstreflektorischen Imagination ausmalen wollen.

Identifikation

Was immer wir lesen oder betrachten, wir brauchen einen persönlichen Bezug dazu. Wir müssen uns in irgend einer Form damit identifizieren können - sonst interessiert es uns nicht. Der Test dafür ist leicht zu machen: Dort, wo wir beim “Channel Hopping“ picken bleiben, dort ist sicher etwas, das uns anspricht. Entweder wir finden einfach Bestätigung für uns selbst. Die brauchen wir immer wieder, das ganze Leben lang. Oder wir möchten etwas Beängstigendes bewältigen, uns beweisen, dass es doch noch gute Cops oder anständige Anwälte gibt, dass Recht gelegentlich doch Recht bleibt und nicht immer nur der Stärkere gewinnt etc. Oder – last but not least – wir zaubern uns etwas auf den Bildschirm, das uns das reale Leben verwehrt: den Opernball, Las Vegas, die große Liebe unseres Lebens, wie wir einen Schuft zu Boden schlagen oder wie wir in bester James Bond-Manier jede fesche Katz aufs Kreuz legen - was immer der einzelne eben an unerfüllten Sehnsüchten so mit sich herumschleppt.

(Ich hoffe, Sie merken bereits, dass die dritte „Notwendigkeit des Lebens“ den beiden ersten in nichts nachsteht, ja, dass sie mit diesen beiden sogar in enger Verbindung steht!)

Musik, Malerei, und was es sonst noch an Künsten gibt

Versuchen Sie einmal, bei einem besonders spannenden Film den Ton abzudrehen - nicht die Sprache, sondern die Musik. Erst durch das Loch, das dadurch entsteht, können Sie die emotionale Ausdruckskraft der Musik so richtig ermessen. Danach werden Sie auch verstehen., dass der Musik genau so viel Identifikationsmöglichkeit zukommt, wie der theatralischen „Handlung“.

Nach dieser grundlegenden Erkenntnis wundert es uns nur mehr wenig, dass sich die Selbstdarstellung natürlich auch der Malerei, der Plastik und vieler anderer künstlerischer Mittel bedient. Alles, was mit dem zunächst noch nicht genau definierten Begriff „Kunst“ umschrieben werden kann, erfüllt eine ähnliche Funktion. 

Der Missbrauch der Selbstreflexion

Fressen und Ficken, wie zu Beginn gesagt wurde, entspringen zwei wesentlichen Antrieben: dem Selbsterhaltungs- und dem Arterhaltungstrieb. Dennoch wissen wir, dass viel mehr gefressen wird, als zum Leben notwendig ist, dass sich manche Römer mit der berühmten „Pfauenfeder“ am Gaumen gekitzelt haben, um zu erbrechen, damit sie nachher wieder weiterfressen können. Die Gaumenlust, ursprünglich ein Antrieb zur Arterhaltung, wurde zum Selbstzweck. Nicht anders vollzog es sich mit der sexuellen Lust. Finis primaria, die Arterhaltung rückte in den Hintergrund, finis secundaria, die „Fleischeslust“ verselbständigte sich und nahm oft seltsame und skurille Formen an. Trotzdem halte ich alle jene schlicht und einfach für blöd, die die Herkunft alles Sexuellen von der Arterhaltung nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Darüber wird in anderem Zusammenhang vielleicht noch zu reden sein.

Wen sollte es daher noch wundern, dass auch die Selbstreflexion mit den Mitteln der Kunst - im allerweitesten Sinn - auf vielfältigste Weise missbraucht wird? Die Menschen werden damit manipuliert, eingelullt, gefügig gemacht, von ihren eigenen Interessen weggeführt und  dem Willen der anderen untergeordnet: Das beginnt im Supermarkt, in dem der Kunde mit sanfter Musik in Euphorie gewiegt und damit die letzte Selbstbeherrschung vor dem Kaufrausch zum Verschwinden gebracht wird, über die Schule, in der den jungen Menschen „disziplinierende“ Texte vorgesetzt werden, über „wehrkraftstärkende“ Flieger- oder U-Boot-Filme, die der Vorbereitung auf den Heldentod dienen, von den Hymnen und Chorälen zur Ehre Gottes ganz zu schweigen – die Palette der Manipulationsmöglichkeiten ist unbegrenzt! Dagegen kämpft wiederum eine „Gegenmanipulation“, um den Menschen mit moderner Kunst „die Augen zu öffnen“, sie „zu sich selbst“ zu führen, sie „zu befreien“ etc. Beide Bestrebungen sind manipulativ. Der Mensch hat es schwer, dabei wirklich seine eigene Wahl zu treffen. Dabei käme es gerade darauf im Besonderen an. Denn es ist zwar nicht jede Kunst für alle geschaffen, doch findet jeder irgendwo die richtige Kunst für sich selbst.