Textproben aus "E-Learning - Wunschtraum oder Realität?"

Textprobe 1:

Bruno Prowaznik: Hommage an Gutenberg


Im Wintersemester 2001/02 wurde am Institut für Germanistik der Universität Wien eine "virtuelle Lehrveranstaltung" gehalten. Darunter versteht man heute allgemein eine LV mit Kommunikation über das Internet. Auch das Thema hatte - nicht eben zufällig - mit diesem neuerdings auch pädagogisch genutzten Medium zu tun: "Sprachpädagogik im Internet - Grundlagen und Anleitung zu eigener Gestaltung". Es handelte sich dabei um ein Novum, eine von wenigen Veranstaltungen dieser Art im universitären Bereich, und deshalb wurde diese Lehrveranstaltung in der Folge von der Universität Wien auch als besonders "innovative" LV ausgezeichnet.

Die dabei gewonnenen Erfahrungen sollen nun in Buchform einem breiteren Fachpublikum zugänglich gemacht werden, und zwar mit gutem Grund:

Obwohl gerade für diese Lehrveranstaltung viel Begleitmaterial im Internet zur Verfügung gestellt wurde, kam dies der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema "Lehren und Lernen im Internet" bisher kaum zugute, denn in der Realität der wissenschaftlichen Arbeit ist das Internet noch kaum existent. Man kann noch so viel wissenschaftliches Material ins Internet stellen, all das ist erfahrungsgemäß kurzlebig und vergänglich, zitierte Internet-Adressen sind oft von heute auf morgen verschwunden. Jedes veröffentlichte Buch wird hingegen auch in hundert Jahren in einer der großen öffentlichen Bibliotheken noch zu finden sein, denn jeder Verlag muss Pflichtexemplare dorthin entsenden. Ob Datenträger aus unserer Zeit dann noch decodierbar sein werden, darf bezweifelt werden, obwohl viele Experten das felsenfest behaupten.

Die Wissenschaft legt daher mit gutem Grund nach wie vor Wert auf Gutenbergs Erfindung, das Printmedium. Es ist aber auch noch aus vielen anderen Gründen unverzichtbar: Ich brauche es, um es jemandem in die Hand zu drücken, damit es aus einer Bibliothek entlehnt oder eventuell sogar in einer Buchhandlung gekauft werden kann, damit man mich zitieren kann und - last but not least - damit es auf meiner Publikationsliste zu finden ist. Eine Literaturliste ist der Nachweis der Auseinandersetzung mit bestimmten Themen, die nicht durch Verweise auf Online-Publikationen ersetzt werden kann.

Eine ähnliche Überlegung hatte bereits in der Vorbereitungszeit der virtuellen Lehrveranstaltung im Jahre 2000 dazu geführt, das Skriptum "Sprachpädagogik im Internet" in gedruckter Form herauszubringen. Allerdings stand damals bereits im Untertitel "Ein Skriptum im Medienverbund mit dem Internet".




Textprobe 2:

Hartmut Karrasch: Fortbildung Online (2000-2003)

1. Überblick zum Thema eLearning

Lernen kann als dauerhafte Verhaltensänderung beschrieben werden. ELearning soll zunächst vom konventionellen Klassenraumunterricht abgegrenzt werden. Danach soll eLearning nach seinen technischen Möglichkeiten in asynchron und synchron, nach der Begleitung von eLearning-Prozessen, nach dem didaktischen Mehrwert, nach dem Blended Learning Modell, und hinsichtlich der Evaluation und Folge-rungen daraus betrachtet werden.

1.1. Begriffsbestimmung und Abgrenzung

"Obwohl der Begriff eLearning heute in aller Munde ist, gibt es noch keine einheitlichen Definitionen für dessen Bedeutung. Bis heute besteht keine Einigung darüber, welche Lernmethoden dem Begriff nun zuzuordnen sind und welche nicht. Ob Anbieter oder Anwender - jeder scheint sein eigenes Verständnis von eLearning zu haben."

Begriffe und Kürzel wie "Web Based Training (WBT)", "Lernplattform", "LMS", "Teletutoring", "eTraining", "eCoach", "Blended Learning", "Virtual Classrooms", "Groupware", "Online Kurse", "Online collabora-tion", "Webseminar" usw. tragen zu weiteren Verwirrungen bei. Eine Begriffsklärung und Einordnung der unterschiedlichen Ansätze, Lerntheorien und möglichen eLearning-Szenarien soll deshalb zunächst eine Orientierungshilfe im Dschungel eLearning geben.

Es gibt inzwischen eine breite Palette von Definitionen des Begriffs eLearning. Die nachstehende Definition stellt den kleinsten gemein-samen Nenner dar:

"eLearning wird verstanden als Lernen im Sinne der Aneignung und Hinzugewinnung von Wissen, das mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien unterstützt und ermöglicht wird."

Unter diese Definition fallen CD-ROMs, Lernsoftware, Ton- und Filmdokumente genauso wie netzbasierte Tools in Form von eMail, Videokonferenzen, der Einsatz von Groupware, Lernplattformen, Webkonferenzen, virtuellen Klassenräumen u.v.m.

Aus lerntheoretischer Sicht werden sowohl kognitionstheoretische als auch konstruktivistische Aspekte angesprochen, wobei die konstrukti-vistischen Ansätze heute als bedeutsamster lerntheoretischer Rahmen zur Beschreibung individualisierter Lernprozesse angesehen wird. Hierbei geht man von folgenden Annahmen aus:

  • Wissen wird durch das wahrnehmende Subjekt konstruiert und ist gebunden an die Situation, in der es erworben wurde.

  • Lernen ist ein sozialer Prozess, in dem insbesondere gesellschaft-lich geteiltes Wissen erworben wird.

  • Wissen wird unter dem Aspekt seiner Anwendungsfähigkeit, d.h. seiner Authentizität analysiert: Lernprozesse sollen dem Erwerb "flexiblen Wissens" dienen und kein "träges Wissen" hervorbringen.

Peter Baumgartner vertritt die Ansicht, dass die Informations- und Kommunikationstechnologie aus didaktischer Sicht nicht neutral sei und führt dazu aus:

"Hinter jedem Medieneinsatz für Bildungszwecke, hinter jeder Software oder Internetanwendung verbirgt sich ein theoretisches Lernmodell-unabhängig davon, ob dies den Betreibern (Software) Entwicklern, Anwendern etc. bewusst ist oder nicht.

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich für das eLearning folgende Fragestellungen:

  • Ist die Hinwendung zur konstruktivistischen Lernmethoden auf alle Adressatengruppen zur verallgemeinern?

  • Gelten für die Andragogik (Erwachsenenbildung) die gleichen Bedingungen wie für die Pädagogik?

Unter anderem deuten zwei Faktoren auf die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtungsweise hin:

  • Erwachsene verfügen im Allgemeinen über bessere kognitive Fähigkeiten als Jugendliche.

  • Im Gegensatz zu jugendlichen Studierenden ist bei Berufstätigen der relative Zeitaufwand für Fortbildung nur ein Bruchteil ihrer Arbeitskraft.

Will man also, insbesondere innerhalb der Lehrerfortbildung, effektive und akzeptable Angebote zur Verfügung stellen, wird man in vielen Fällen kompakten und zeitlich dichten Methoden den Vorzug geben.

 

Textprobe 3:

Bruno Prowaznik: Der lange Weg ins Internet

1. Erwartungshaltungen

Kulturelle Phänomene vollziehen sich innerhalb des Kontextes allgemein erfahrbarer menschlicher Verhaltensmuster. So scheint es der Natur des Menschen zu entsprechen, immer hohe Erwartungen in die Zukunft zu setzen. Im 20. Jahrhundert war es vor allem der technologische Fortschritt, von dem man sich eine glücklichere Zukunft versprach. Alle Erwartungen scheinen aber von denjenigen übertroffen worden zu sein, die man seit etwa der Jahrhundertmitte in die Computertechnologie setzte.

Manche davon haben sich zweifellos erfüllt: Satellitentechnik, Raumfahrt und Mondlandung wären ohne Computersteuerung nicht möglich gewesen: Auch ein ganzer Saal von Mathematikern hätte die nötigen Rechenoperationen nicht in jenen Bruchteilen von Sekunden ausführen können, wie es der Computer vermochte.

Interessanterweise richteten sich aber gleich von Beginn an die Erwartungen an die neue Rechenmaschine auch auf mentale Berei-che, vor allem auf Wissenserwerb und Lernprozesse. Nicht umsonst meinte man, dass nunmehr "Werkzeuge" durch "Denkzeuge" ersetzt werden würden. Eine Zeitlang glaubte man, die "Artificial Intelligen-ce" (AI) würde dazu führen, dass Denkleistungen des Menschen von der Maschine übertrumpft werden könnten. Dies scheint aber bislang Science Fiction geblieben zu sein - leider oder glücklicherweise - je nach Standpunkt des Betrachters.

1.1. Erwartungen in Lerntechnologien

Innerhalb der an den Computer geknüpften Erwartungen nehmen jene in computerunterstützte Lerntechnologien also einen besonderen Stellenwert ein. Was sich diesbezüglich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Vorstellungswelt von Wissenschaftlern und auch Praktikern getan hat, scheint mittlerweile jegliche Phantasie zu übersteigen. Man fühlt sich an einer Zeitenwende und führt das auch immer wieder dezidiert aus:

"Als es der Menschheit gelang, Informationen mit Hilfe von Schrift und Bild "extern", d.h. außerhalb des eigenen Gedächtnisses, zu speichern, bedeutete dies einen wesentlichen Impuls für die Fortent-wicklung von Kultur und Wissenschaften - insbesondere in den letzten 2000 Jahren. In jüngster Zeit trat zur externen Informationsspeiche-rung die Möglichkeit zur externen Informationsverarbeitung mit Hilfe von Computern hinzu. Dadurch sind erneut bedeutsame Anstöße für die Weiterentwicklung der geistigen Leistungsfähigkeiten des Men-schen zu erwarten."

Selbst wenn man sich auf die Fachliteratur beschränkt, die seit den Achtzigerjahren über computerunterstütztes Lernen erschienen ist, befindet man sich in einer ansehnlichen Bibliothek. Jedes neue Schlagwort - etwa "Hypertext" oder "Multimedia" - hat die Bücher-schränke neu gefüllt. Eine besondere Wunschvorstellung dabei sind etwa "intelligente tutorielle Systeme" , Lernsysteme auf der Basis von AI, die sich an die jeweilige Situation jedes einzelnen Lerners individuell anpassen.

Das Bild der Situation wird vervollständigt durch die zahlreichen hochkarätig besetzten nationalen und internationale Tagungen und Symposien, die jedes Jahr abgehalten werden. Dabei wurden auch schon seit Jahrzehnten dezidierte Anforderungen an Lernprogramme formuliert und umfangreiche Checklisten zusammengestellt. Die didaktischen Grundlagen mit lernpsychologischem Hintergrund reichen mit zahlreichen Zwischenstufen vom Behaviourismus über den Kognitivismus bis zum Konstruktivismus.

1.2. Erwartungen in das Internet

Etwa zu Beginn der Neunzigerjahre wurde das Internet zur Ikone der modernen Pädagogik. Eine Euphorie größten Ausmaßes erfasste die Welt der Pädagogik. "Schulen ans Internet" lautete der Schlachtruf, der von Pädagogen, Ministerialbeamten und Kulturbeflissenen jeder Art und Couleur immer wieder zu hören war. Man erwartete sich offenbar die Lösung aller pädagogischer Probleme durch den An-schluss an das World Wide Web! Heureka! "The Medium is the Message!"

 

Textprobe 4:

Clara Krautgartner: "Juhu, i lern E!"

Dies ist der Erfahrungsbericht einer Studentin zum Thema E-Learning. In diesem Beitrag möchte ich meine ganz persönlichen, also sehr subjektiven Erfahrungen mit dem virtuellen Seminar "Sprachpä-dagogik im Internet" schildern. Zunächst soll in einer Art Rückblick deutlich werden, wie ich in diese innovative Lehrveranstaltung überhaupt "hinein geschlittert" bin.

September 2001. Es regnete in Strömen in der sonst so sonnigen Stadt Lausanne und ich beschloss, mir den Nachmittag ein wenig im Computerraum der Universität zu vertreiben. Ein Jahr hatte ich nun in der Westschweiz studiert, und die Rückkehr nach Österreich nahte. Höchste Zeit also, Zukunftspläne zu schmieden. Zum Beenden meines Studiums (Französisch und Spanisch Lehramt) fehlte mir nur noch die Fertigstellung meiner Diplomarbeit sowie eine fachdidakti-sche Lehrveranstaltung. Diese wurde an meiner Stammuniversität Salzburg nur im Sommersemester angeboten, weshalb sich also mein Studienabschluss um ein ganzes Semester verzögert hätte. Da kam mir der rettende Gedanke: vielleicht könnte ich die Lehrveranstaltung an einer anderen österreichischen Hochschule bereits im Winterse-mester absolvieren?

Neugierig klickte ich mich durch das Online-Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien, wo mir nach einiger Zeit auch gleich die Lehrveran-staltung von Dr. Bruno Prowaznik ins Auge sprang. Als Sprachenstu-dentin fühlte ich mich natürlich von dem Titel "Sprachpädagogik im Internet" sofort angesprochen. Doch auch der Zusatz "Grundlagen und Anleitung zu eigener Gestaltung" klangt verheißungsvoll: endlich einmal etwas Praxisorientiertes! Da mein Interesse immer schon den neuen Medien, insbesondere dem Internet galt (meine Diplomarbeit hat übrigens die Chatkommunikation zum Thema), und mich zudem auch das synchrone Element sprich die Audiokonferenzen reizten, stand für mich sofort fest: an dieser Lehrveranstaltung muss ich teilnehmen, egal, ob sie mir angerechnet wird oder nicht!



Textprobe 5:

Richard Schrodt: e-Learning im Bereich "Deutsche Grammatik"

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Im Folgenden stelle ich einige persönliche Bemerkungen zusammen und lasse die Frage offen, ob man einige Aussagen generalisieren kann. Ich beziehe mich hier v.a. auf den Gegenstand "deutsche Grammatik", also auf ein Gebiet, wo grammatische Operationen und linguistisches Argumentieren wichtig sind.

Zu den unterrichtspraktischen Vorteilen dieser Lernmethode gehört:

1. Man hat zu Haus ein gewohntes Arbeitsfeld, das bereits nach den eigenen Bedürfnissen und Wünschen eingerichtet ist: Lehrbücher, Nachschlagewerke und Arbeitsunterlagen sind zur Hand, am Rechner finden sich Wörterbücher, vielleicht sogar vorbereitete Lektionen, und über das Internet kann man sich zusätzliche Informationen beschaf-fen. Wer schon einmal in einem überfüllten Hörsaal die Rede eines vor sich hinnuschelnden Vortragenden mitschreiben musste, womög-lich sogar auf improvisierten Schreibunterlagen, weiß, was ich meine. Ich gestehe: Ich habe in meinem Studium sehr selten nach selbst hergestellten Mitschriften gelernt, sonder entweder nach Skripten oder nach eigenen Exzerpten aus Lehrbüchern. Entweder zuhören oder mitschreiben, das hatte ich zur Wahl, und ich habe mich fast immer für Ersteres entschieden.

2. Man erspart sich die Fahrt zur Schule oder zur Universität. Das ist v.a. dann wichtig, wenn man nicht die ganze Zeit an einem Institut anwesend sein muss (wie es z.B. die Mediziner im Vorklinikum sind).

3. Durch konsequente Visualisierung der Lehrinhalte wird das Lernen intensiver. Das ist freilich von der Kunst des Moderators abhängig.

4. Durch den Einbezug von Tonmaterialien und Internetmaterialien kann die Präsentation gezielt vernetzt werden. Auch das hilft zum Verständnis der Lehrinhalte.

So weit, so gut: Bis hierher könnte man sich auch vorstellen, dass man mit einem einfachen Lehrfilm Ähnliches erreichen könnte. Doch dazu kommen noch entscheidende unterrichtsmethodische Vorteile:

1. Der ständige Dialog mit der Lehrperson, besonders im Bereich des entdeckenden Lernens. Hier ist es nicht genug, Lehrinhalte vorzutra-gen, sondern das Verständnis dieser Lehrinhalte gezielt zu steuern. Erst durch gemeinsames Tun lässt sich Sinnvolles entwickeln. Abstrakte Kategorien, einfach vorgetragen, können nur auswendig gelernt werden. Daraus ergeben sich sehr selten brauchbare Kennt-nisse. Erst in der Anwendung, in der praktischen Durchführung, zeigt sich der Erfolg. Jeder Studierende muss daher die Möglichkeit haben, eigene Daten einzubringen und an der virtuellen Tafel selbst etwas zu schreiben und zu zeigen. Je besser das Programm das erlaubt, desto sicherer werden die Lernfortschritte sein.

2. Die Möglichkeit, gezielt Studierende zu einer Antwort aufzufordern. Zwischen theoretischem Wissen und praktischer Anwendung dieses Wissens klafft oft geradezu ein Abgrund. Diesen Abgrund muss man auch zeigen können: Ich muss mit meinem virtuellen Zeigefinger auf eine Person zeigen können und sie zu einer Antwort auffordern können. Erst das gibt mir (und meinem "Opfer") die Möglichkeit zu erkennen, ob gesichertes Wissen vorhanden ist.

Dazu kommen noch organisatorische Vorteile. Es wird immer öfter notwendig sein, auch außerhalb des Regelstudiums zu lernen und sich nach dem Studium weiterzubilden. E-Learning braucht keine Hörsäle und kann auch in den Ferien stattfinden, jederzeit und an jedem Ort. Ich schreibe diesen Text am 23. Juni 2003 um 21 Uhr 50 bei schwü-lem Wetter (32°), herankommendem Gewitter und daher in einer "Kleidung", in der ich mich an der Universität nicht zeigen dürfte. Deshalb stehe ich auch Webkameras etwas skeptisch entgegen.

 


Textprobe 6:

Bruno Prowaznik: Evaluation und Ausblick

1. Evaluation

Zunächst die gute Nachricht: Am erfolgreichen Abschluss der virtuellen Lehrveranstaltung "Sprachpädagogik im Internet" im WS 2001/2002 besteht kein Zweifel:

Ein rückblickender Vergleich mit den Lehrveranstaltungen in den vorangegangenen Wintersemestern zeigt, dass die Ausfallsrate bei der virtuellen LV deutlich geringer war als bei den Präsenzveranstaltungen.

Semester
angemeldet
teilgenommen
abgeschlossen
Ausfallsrate
WS 2001/02
22
19
17
22.7 %
WS 2000/01
231
13
9
71%
WS 1999/00
25
20
19
24%
Ws1998/99
26
20
14
46.2%
Ws 1997/98
31
22
22
29.1%
  • Ein hoher Prozentsatz der Studierenden hat die LV mit sehr guter Beurteilung abgeschlossen.
  • Die Arbeiten der Studierenden waren ausgezeichnet.
  • Die LV fand offizielle Anerkennung als "innovative LV im Bereich Neue Medien"

Gegenüber einer "Präsenzveranstaltung" gab es folgende Vorteile:

  • Jede(r) konnte von einem beliebigen Ort aus teilnehmen.
  • Es gab keine Anfahrtszeit und keine Parkplatzprobleme.
  • Die Teilnahme weiter entfernt wohnender Personen war möglich.

Gegenüber einer "Präsenzveranstaltung" gab es folgende Nachteile:

  • Die Vorbereitungsarbeit der Vortragenden war wesentlich umfangreicher und länger.
  • Die erforderliche Konzentration der Vortragenden und auch der Teilnehmer war größer.
  • Das Fehlen der Körpersprache musste gelegentlich durch andere Ausdrucksmittel kompensieret werden.

Die virtuelle Lehrveranstaltung kann im Vergleich mit einer Präsenzveranstaltung daher durchaus als gleichwertig betrachtet werden.

Das ist also die gute Nachricht. Es bedeutet, dass internetgestütztes Lehren und Lernen unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich funktioniert. Quod erat demonstrandum!

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2. Das Ende eines Mythos

Die heute bereits existenten Projekte im Bereich eLerning stammen zum größten Teil aus der Zeit vor der Krise der "New Economy", als die Internet-Euphorie noch im Überschwappen war. Damals wurden trotz Budgetkrise und allgemeiner Wirtschaftsflaute überall namhafte Investitionsmittel locker gemacht, denn die Hoffnung auf das rasche Geld, das die New Economy zu bringen versprach, hätte diese Investitionen zweifellos rentabel werden lassen. Dann aber stellte sich heraus, dass die Entwicklung nicht ganz so lief, wie man gehofft hatte.

Rückblickend kann man heute feststellen, dass das Internet von Beginn an vor allem ein Mythos gewesen ist.

"Das Internet realisiert auf exemplarische Weise die telematische Basistechnologie der Informationsgesellschaft, die aus der Ver-schmelzung der digitalen Medien mit der Telekommunikationsinfra-struktur hervorgegangen ist. Es symbolisiert aber zugleich auch auf geradezu paradigmatische Weise die Ideen und Ideale, aus denen sich unser gegenwärtiges Bild der zukünftigen Gesellschaft zusam-mensetzt... Mehr als eine Technologie ist das Internet zu einem Mythos geworden, an den sich Hoffnungen und Ängste knüpfen."

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2.6. Ist das Medium wirklich die Botschaft?

"The Medium Is the Message" war seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts der Glaubenssatz des kanadischen Medienphilosophen Herbert Marshall Mc Luhan. Von ihm stammt übrigens auch bereits die Vision des "Global Village", des "globalen Dorfes", das durch den Internet-Kult später besondere Bedeutung erlangte.

Als die erste große Internet-Welle über uns hinwegschwappte, wurde man unwillkürlich wieder an diesen Slogan erinnert. Bald entstanden aber erstmalig Zweifel an der Richtigkeit des Ausspruchs. Was man sich in Hinblick auf Unterhaltung, vor allem, was das Fernsehen betraf, vielleicht gerade noch hatte einreden lassen, das wurde im pädagogischen Bereich nun doch hochgradig hinterfragenswert. Ging es wirklich nur mehr um das "Medium"? Waren die Inhalte wirklich völlig schnurzegal?

Etwa um diese Zeit - es gibt keine Zufälle - begann man sich auch in Amerika wieder darauf zu besinnen, dass mit dem Medium Internet ja schließlich auch etwas transportiert werden sollte. Plötzlich tauchte immer wieder der neue Begriff "Content" auf, und wurde sofort auch bei uns, wie alles andere, was aus Amerika kam, 1:1 übernommen: Content Management, Content Provider, Content Solutions, Content Checklisten, Content-Pakete und so fort.

Dennoch handelte es sich zunächst eher um die Repetition eines neuen Modewortes. Ein Umdenken hatte noch nicht stattgefunden. In der Praxis beschäftigte man sich nach wie vor mit Hardware, mit Netzanschlüssen oder gar mit der "Vernetzung" von Standorten. Was den "Content" betrifft, war man - wie immer - weit zögerlicher. Das Ganze erinnerte ein wenig an Gerhard Bronners unvergesslichen Vers, der in diesem Zusammenhang übrigens immer wieder zitiert wird: "I hab zwar ka Ahnung, wo i hinfahr, aber dafür bin i g'schwinder durt!"

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5.4.2. In Linz beginnt's

In den Uni-Nachrichten der Johannes Kepler Universität Linz war am 23. April 2002 unter der Überschrift "Die Virtuelle Universität ist in Linz bereits Wirklichkeit" zu lesen:

Die Universität Linz bietet als einzige österreichische Universität ein vollständiges Multimedia-Diplomstudium der Rechtswissenschaften auf der Basis von E-Learning an. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät führte im Diplomstudium der Rechtswissenschaften alle modernen Techniken der Telekommunikation ein und konzipierte ein neues virtuelles Multimedia-Diplomstudium der Rechtswissenschaften, das mit dem Präsenzstudium inhaltlich und in den Prüfungen identisch ist.

Das Studium basiert auf sechs Elementen:
Jedes Studienjahr beginnt mit einer siebentägigen Präsenzphase, welche der Einführung in den Stoff, dem persönlichen Kontakt und organisatorischen Anliegen dient. Für jedes Prüfungsfach der ersten Diplomprüfung steht ein Medienkoffer zur Verfügung, der eine DVD, Skripten etc. enthält. Auf der DVD wird der Prüfungsstoff multimedial mit Ton, Bild, Grafiken und Texten präsentiert. Testsequenzen beschließen jeden Abschnitt.

Auch Prüfungen per Internet
Während des Semesters findet laufend begleitender elektronischer Unterricht (Arbeitsgemeinschaften, Übungen und Klausurenkurse) statt.

Studierende können elektronisch entweder zeitgleich oder zeitversetzt durch Abruf der Lehrveranstaltung zu jedem beliebigen Termin teilnehmen. Fragen können per E-Mail etc. übermittelt werden. Prüfungen werden zeit-, aufgaben- und korrekturgleich mit den Prüfungsarbeiten an der Universität Linz abgelegt. Absolventen wird in feierlicher Form der akademische Grad des/der "Magister/ra juris" verliehen.

Das Multimedia-Diplomstudium der Rechtswissenschaften startet im Wintersemester 2002/03 nach vierjährigem Versuchsbetrieb in der angeführten neuen Konzeption mit Präsenzphasen in Bregenz (Vorarlberg - ab 27. September 2002), Villach (Kärnten - ab 30. September 2002) und voraussichtlich in Stadtschlaining (Burgenland - ab 14. Oktober 2002). Studierende könne frei wählen, an welcher der drei Präsenzphasen sie teilnehmen.

Vorteile des virtuellen Studiums. Es ermöglicht:

  • Hohe Lernerautonomie bei umfassender persönlicher elektronischer Betreuung,
  • Ortsunabhängigkeit,
  • Zeitunabhängigkeit,
  • eine Reduzierung Ihrer Reise- und Aufenthaltskosten,
  • eine ideale Verbindung des Rechtsstudiums mit einem Zweitstudium oder Berufstätigkeit,
  • individuellen Lernstil mit modernstem Studienmaterial nach neuesten didaktischen Erkenntnissen.

Es bietet:

  • persönlichen Kontakt und eine komprimierte Studieneinführung durch Präsenzphasen im Oktober am Beginn eines jeden Studienjahres.
  • die Abhaltung aller Lehrveranstaltungen in der Einführung (1. Studienabschnitt) und im Grundstudium (2. Studienabschnitt) von Universitätsprofessoren und wissenschaftlich ausgewiesenen Praktikern in Spitzenpositionen.

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6. Ausblick

Es ist erstaunlich, wie viel Geld trotz Sparpaketen und immer währender Budgetkrise in den letzten Jahren in das "Neue Lernen" investiert wurde. Der Grund dafür kann - neben anderen Motiven - nur in einer außergewöhnlich hohen Erwartungshaltung gelegen sein. Man hoffte, dass sich diese Investitionen wirklich rentieren würden, dass man dadurch Verbesserungen und/oder Einsparungen im Ausbildungssystem erzielen könnte, die all das rechtfertigen würden, was man in diese Richtung unternahm.

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6.1. Budgetprobleme

Die budgetäre Situation an unseren Hochschulen ist so eng gewor-den, dass nicht einmal genug Geld dafür dazu sein scheint, um die Bibliotheken mit der nach wie vor besonders wichtigen Fachliteratur auszustatten. Und die Hochschülerschaft weist immer wieder darauf hin, dass im regulären Vorlesungsbetrieb Engpässe auftreten, die auch durch die flächendeckende Funkvernetzung an anderen Standor-ten nicht kompensiert werden können.

Im Oktober 2003 war in einer Tageszeitung etwa folgendes zu lesen:

"Technischer Universität geht das Geld aus: Weniger Unterricht wegen Finanzkrise

Bis jetzt konnte der Lehrbetrieb trotz der finanziellen Misere an der Wiener TU aufrechterhalten werden. Das ist aber Vergangenheit: Die ersten Lehrveranstaltungen wurden jetzt gestrichen. Chemiestudenten müssen heuer ohne Labors auskommen. Auch versprochene Neubauten sind nicht freigegeben.

Nur eine einzige Labor-Übung für die Erstsemestrigen kann wegen der finanziellen Misere an der TU abgehalten werden. Falls das versprochene Geld Anfang 2004 aber doch ausgezahlt wird, müssten alle anderen Chemie-Studenten in ihren Ferien das Versäumte nachholen. "Die Mehrbudgetierung wird aber nicht einmal reichen, um das heurige Finanzloch zu stopfen", befürchtet ein Sprecher der TU. Und: Viele Studierende können durch diese Verzögerung wichtige Beihilfen verlieren. Auch seien versprochene Neubauten nicht fertig - und die Sanierung des Chemie-Hochhauses sei längst überfällig. Dort könnte die Lehre aus Sicherheitsgründen jeden Tag eingestellt werden."

Meldungen dieser Art gehören bereits zur Regel, und die apostro-phierte Finanzkrise ist keineswegs auf Österreich beschränkt. Man muss daher gar nicht wirklich vom Paulus zum Saulus werden, um zu befürchten, dass in Hinkunft auch für ausgesprochene Lieblingsprojekte mancher Universitäten die finanzielle Bedeckung nicht mehr so leicht gefunden werden wird wie bisher. Manche recht positiven Ansätze werden daher schlicht und einfach dem Rechenstift zum Opfer fallen.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Durch die Feststellung dieser Fakten sollen die erwähnten hervorragenden Pionierleistungen nicht abgewertet werden. Doch aus der Existenz herausragender Vorreiter-Projekte sind Schlüsse auf den allgemeinen Standard der Zukunft nicht zulässig.

6.2. Amerika, hast du es besser?

Eigentlich steht es außer Frage, dass das amerikanische Studiensys-tem wohl das letzte ist, dass für bildungsbewusste Europäer ein nachahmenswertes Beispiel sein könnte: Es gibt zwar wissenschaftliche Hochleistungen an sündteuren Renommieruniversitäten wie Harvard, Yale, MIT und einigen anderen, doch das allgemeine Bildungsniveau ist - trotz der in Gang befindlichen Nivellierung in Europa - hier doch noch immer wesentlich höher, der Zugang zur Bildung trotz der Einführung von Studiengebühren noch immer wesentlich günstiger.

Dennoch ist ein Schielen nach dem Vorbild U.S.A. da und dort nicht zu verkennen. Deshalb dürfte es nicht uninteressant sein, in diesem Zusammenhang auch die amerikanischen Erfahrungen mit dem Lehren und Lernen im Internet mit einzubeziehen, zumal dieser Trend in Amerika schon viel früher begonnen hat als bei uns. Dabei stellt es sich nämlich heraus, dass es eigentlich ein Flop geworden ist!

Rolf Schulmeister, Professor an der Universität Hamburg, hat im Abstand von zwei Jahren zwei hochinteressante Publikationen zur "Virtuellen Universität" und zum "Virtuellen Lernen" vorgelegt. Darin bezieht er sich auch auf die Situation in Amerika und kommt zu folgenden interessanten Schlüssen:
Es gibt nur eine einzige universitäre Einrichtung, an der virtuelles Lernen "erfolgreich" durchgeführt wird: Die "University of Phoenix Online" (UPO). Alle anderen angekündigten Vorhaben sind in die Binsen gegangen. Doch auch die UPO hat nur aus folgenden Gründen überlebt:

  • Lohndumping
  • Hohe Studiengebühren
  • Nutzung öffentlicher Ressourcen
  • Reduziertes Niveau

Des weiteren führt Schulmeister aus:

"Die Verfechter der virtuellen Universität singen das Lied vom Untergang der Alma Mater. ... Eine solche Tendenz ist nicht zu erkennen. Dennoch wiederholen unsere Hochschulpolitiker die Thesen der Zukunfts"forscher". Sie prognostizieren hohe Anteile für die virtuelle Ausbildung und drohen den klassischen Universitäten einen vernichtenden Verdrängungswettbewerb an, sofern sie nicht auf diesem Instrument spielen. Ich glaube jedoch nicht, daß unsere Präsenzuniversitäten Angst vor der Konkurrenz der virtuellen Bil-dungsträger haben müssen."

6.3. Der "Mehrwert" des virtuellen Lernens

Auch die oft erhobene Behauptung vom "Mehrwert" des virtuellen Lernens wird von Schulmeister zerpflückt:

"Es wird immer wieder behauptet, daß virtuelles Lernen einen didaktischen Mehrwert habe. ... Ich bin in meinen bisherigen Experimenten mit virtuellen Seminaren eher zu dem gegenteiligen Schluß gekommen, daß man als Hochschullehrer enorme zusätzliche Anstrengungen unternehmen muß, um sicherzustellen, daß ein virtuelles Seminar mit all seinen durch die Technik bedingten Ein-schränkungen annähemd die gleiche Qualität aufweist wie ein Präsenzseminar."

Dies ist genau dieselbe Erfahrung, die auch wir bei unserer virtuellen LV gemacht haben. Darauf wurde bereits mehrmals ausdrücklich hingewiesen: Es hat zwar funktioniert, aber mit wesentlich höherem Aufwand als bei der Präsenzveranstaltung!

Schulmeister schreibt aber weiter:

"Was immer wieder übersehen wird, wenn die "positiven" Aspekte der virtuellen Lehre betont werden, z.B. die Möglichkeiten, individuell auf einzelne Lernende einzugehen, sind die günstigen Betreuungsrelationen (z.B. 1:12) virtueller Universitäten, die mit Hilfe der Studienge-bühren ermöglicht werden, und der vermehrte Einsatz von Tutoren selbst für kleinste Lerngruppen. Wenn ich in einer Präsenzuniversität nur Lehrveranstaltungen für 10-12 Studierende anbieten könnte und selbst in derart kleinen Gruppen noch Tutoren einsetzen kann, könnte ich meinen Studierenden eine ähnlich intensive Betreuung angedeihen lassen wie in virtuellen Universitäten."

Damit steht wohl von vornherein fest: Ein Einsparungseffekt, wie er von manchen - analog zum Einsatz des virtuellen Lernens in der Wirtschaft - erwartet wird, ist auf keinen Fall zu erwarten, denn die Kosten für die Betreuung der Studierenden sind beim virtuellen Lernen wesentlich höher als bei Präsenzveranstaltungen.