"Zauber der Montur"
T e x t p r o b e

Genauso wie bei allen anderen Symbolen ist auch bei den militärischen die Kenntnis um deren Bedeutung Voraussetzung. Sie sind nichts anderes als verschlüsselte Botschaften, Codes, Chiffren, die nur für einen bestimmten Personenkreis, nämlich die Soldaten, die gewünschte Wirkung besaßen, weil sie nur von diesen erkannt und verstanden wurden. So wurden sie für diese Zielgruppe zur visuellen Verdeutlichung abstrakter geistiger Werte. Der gewöhnliche Soldat, genauso wie der Offizier, mußten um die Wertordnung Bescheid wissen, die hinter ihren Symbolen stand, und deren Anerkennung von der Truppe gefordert wurde.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Als in der Schlacht von Aspern, anno 1809, ein Bataillon des Regimentes Zach im Angriff nicht mehr weiterkam und scheinbar hoffnungslos stecken blieb, da ritt Erzherzog Carl hin und ergriff als Oberbefehlshaber persönlich die Fahne und riß damit die wankende Truppe wieder vor. Und gerade weil dieses Bild als heldenhafte Überhöhung der tatsächlichen Begebenheit, als gängige Illustration dieser Gefechtssituation immer wieder herangezogen wird - Erzherzog Carl ergriff in Wirklichkeit nur "symbolisch" das Tuch der Fahne - ist es ein eindeutiges Beispiel, wie die Fahne einer Truppe zur Motivation eingesetzt werden kann und wird. Indem der erzherzögliche Oberbefehlshaber aber selbst die Fahne - d.h. symbolisch nur deren Tuch - ergriff, setzte er eine in der Kriegsgeschichte schon oft bewährte Handlung. Und diese an sich unbedeutende Geste war unbestritten wirksamer, als wenn der Generalissimus lediglich den Befehl zu neuerlichem und couragierterem Vorrücken gegeben und durch einen Ordonnanzoffizier hätte übermitteln lassen. Indem sich Carl nämlich - wenn auch nur für kurze Zeit - als „Fahnenträger“ betätigte, was ja nicht zu seinen Funktionen gehörte, versinnbildlichte er das Gleichmaß an Einsatzbereitschaft von Führung und Truppe. Ein solches Vorbild hat Schule gemacht. In der darstellenden Kunst wurde es zum Symbol nicht nur für das persönliche Feldherrentum Carls, sondern für den zeitlosen militärischen Ruhm des Hauses Habsburg. In der Politik bediente man sich selbstverständlich auch dieses Bildes, wie am Denkmal des Erzherzogs von Fernkorn auf dem Wiener Heldenplatz deutlich zu erkennen ist. Dort allerdings ist die Fahne, die der Erzherzog als „beharrlicher Kämpfer für Deutschlands Ehre“ (so die Denkmalaufschrift) in die Höhe hält, nicht mehr die Fahne des k.k. Infanteriebataillons Nr. 15, sondern die des Hauses Österreich. Und der Gegner ist nicht mehr Frankreich, sondern Preußen.

Auch die Militärmusik kann Symbolbedeutung erhalten. Man bedenke nur, daß in den Schlachten des 19. Jahrhunderts die Regimentsmusiken mit zündenden Märschen die stürmenden Soldaten vorantrieben. Legendär wurde der Einsatz der Militärmusik in der Schlacht bei Königgrätz, als die Regimentskapellen während des katastrophal verlaufenden Gegenangriffes des I. Korps auf die im Zentrum der kaiserlichen Schlachtordnung liegende und bereits von den Preußen eroberte Ortschaft Chlum, den Radetzkymarsch intonierten. Nicht nur die mitreißenden Rhythmen von Johann Strauß sollten die Truppe anfeuern, auch die damit verbundene Erinnerung an die Siege des großen Feldherren Radetzky sollte den Angriff vorreißen.