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„Naturam expellas furca, („Du mögest die Natur selbst Was will dieses Buch?Im März 2003 begann in Österreich die Diskussion über Selbstbehalte beim Arztbesuch. Es war kaum zu glauben, dass manche Politiker in diesem Kontext ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck brachten, dies könne zu einer „Zwei-Klassen-Medizin“ führen. Diese Befürchtung kam nämlich etwas spät. Die Zwei-Klassen-Medizin war schon längst Wirklichkeit geworden, das musste doch einmal offen gesagt werden: Alle Erfahrungen mit alternativen Heilweisen - auch mit den beinahe schon „klassischen“ wie Homöopathie und Akupunktur - sind Erfahrungen mit der Zwei-Klassen-Medizin, denn es gibt diese Behandlungen nur privat, nicht auf Krankenschein! Behandlung auf KrankenscheinIn unserem Sozialsystem ist der „Normalbürger“ sozialversichert, zumindest aber ist er kranken-versichert. Wenn er zum Arzt geht oder ins Spital muss, wird er „auf Krankenschein“ behandelt. Die Behandlungskosten übernimmt die Krankenkassa. Was man bei uns auf Krankenschein bewilligt bekommt, ist zweifellos nicht wenig. Das muss in diesem Zusammenhang auch deutlich gesagt werden. Ob es allerdings immer das Richtige ist, da gehen die Meinungen mitunter sehr auseinander. Unter die Behandlung auf Krankenschein fallen Besuche beim Allgemeinmediziner, bei Fachärzten, in Ambulatorien, Spitalsaufenthalte einschließlich von Operationen mit Nachbehandlung, Kuraufenthalte und noch vieles mehr. Es ist eine umfassende medizinische Grundversorgung. Auf dieses Sozial-system, das in der Ersten Republik von Jakob Reumann, Julius Tandler und anderen Sozialpolitikern und Ärzten aufgebaut wurde, konnte Österreich damals mit Recht stolz sein! Es war eines der besten der Welt, und viele andere Länder haben es sich zum Vorbild genommen. Doch die Zeit steht nicht still. Das Angebot an Behandlungsweisen wurde mittlerweile enorm erweitert und durch viele alternative Angebote ergänzt. Dieser Wandel wird aber von den Krankenversicherungen konsequent ignoriert. Ihre Leistungen haben heute daher den großen Haken, dass sie im Wesentlichen auf die traditionelle Medizin, die sogenannte „Schulmedizin“, beschränkt sind. Und diese ist heute schon lange nicht mehr das Alleinseligmachende. Gemessen am vielfältigen Angebot auf dem Gesundheitssektor ist das daher schon längst eine unzulässige Einschränkung. Besonders deprimierend ist es, dass sich sogar die Zusatzkrankenversicherungen weigern, die Kosten für „alternative“ Heilweisen zu übernehmen: Ursprünglich sollten dadurch jene medizinischen Leistungen abgedeckt werden, die von der Pflichtversicherung nicht übernommen werden. Jetzt machen die Versicherungsunternehmen ein lukratives Geschäft daraus, dass sie neben der „normalen“ Zusatzversicherung eigene Zusatzversicherungen für alternative Heilweisen anbieten. Alternativ-Behandlung - nur privat!Zugang zu den vielen alternativen Heilweisen haben also nur diejenigen, die es sich leisten können. Wir leben daher seit langem schon in einer „Zwei-Klassen-Medizin“, und die Befürchtungen, sie könne auf uns zukommen, sind längst überholt. Im Gegenteil, die Zwei-Klassen-Medizin wird immer ausgeprägter, denn die Leistungen der Kassen werden eher eingeschränkt als ausgeweitet, und auf dem Gesundheitsmarkt steigt das Angebot von Tag zu Tag. Das ist natürlich kein lokales Phänomen, sondern ein weltweites. In den letzten Jahrzehnten hat sich überall ein Wandel der Nachfrage nach medizinischer Betreuung vollzogen. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind viele Systeme der Alternativmedizin bereits völlig anerkannt und integriert. Insbesondere Homöopathie und Akupunktur sind Heilweisen, an deren Wirksamkeit kaum jemand mehr zweifelt. Nur die „Hardliner“ der Schulmedizin versuchen noch immer so zu tun, als sei das alles Quacksalberei. Jetzt könnte man einwenden, die allgemeine Krankenversicherung könne natürlich nicht jeden alternativen Luxus finanzieren. Genau darin besteht aber der große Irrtum: Alternative Behandlungsweisen sind oft viel weniger „Luxus“ als die Schulmedizin, insbesondere die teure „Apparatemedizin“ mit ihrem exorbitanten Aufwand, bei dem sehr oft mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Dieser Aufwand wird aber von der Krankenkassa bezahlt, und darin besteht der große Widerspruch in unserem heutigen System der öffentlichen medizinischen Versorgung. Wie kommt es aber dazu, dass diese Dinge in unserem System der medizinischen Versorgung so widersprüchlich gehandhabt werden? WettbewerbÜberall, wo in einem System viel Geld in Umlauf gebracht wird, gibt es handfeste wirtschaftliche Interessen. Im Zeitalter der Globalisierung wird der Verdrängungswettbewerb noch dazu immer härter. Es wäre naiv zu glauben, er würde ausgerechnet vor dem Bereich der medizinischen Versorgung Halt machen. Bei der Entscheidung, welche Kosten die Krankenversicherungen übernehmen sollen, sitzt daher die Schulmedizin auf dem längeren Ast, denn hinter ihr steht nicht nur das ärztliche Establishment - Universitätsprofessoren, Klinikchefs, Ärztekammern und andere ärztliche Interessensgruppen - sondern vor allem eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt, die Pharmaindustrie. Sie kennt nur ein einziges Interesse: möglichst hohe Gewinne und leistet sich dafür intensives “Lobbying“. Kein Wunder, dass da „alternative“ Anbieter unweigerlich auf der Strecke bleiben. Die Schachzüge der Pharma-Firmen werden natürlich gut kaschiert und bleiben der Öffentlichkeit daher meist verborgen. Wohlerzogen und naiv, wie wir nun einmal sind, halten wir auch die mächtigen Pharmabosse zunächst einmal für honorige Leute, die nur das Beste für die Patientinnen und Patienten im Sinn haben, bis wir - selten aber doch - darauf kommen, welches geradezu makabre Theater uns von ihnen oft vorgespielt wird. Um hohe Gewinne zu erzielen, ist man in der Pharma-Branche bei der Wahl der Mittel nicht eben zimperlich! Die Abschaffung der GesundheitIm Spiegel Nr. 33 vom 1. August 2003 war unter dem Titel „Die Abschaffung der Gesundheit“ zu lesen: „Systematisch erfinden Pharmafirmen und Ärzte neue Krankheiten. Darmtumoren, sexuelle Unlust oder Wechseljahre - mit subtilen Marketingtricks werden Phänomene des normalen Lebens als Krankheit dargestellt. Die Behandlung von Gesunden sichert das Wachstum der Medizinindustrie.“ „Um das enorme Wachstum der früheren Jahre beibehalten zu können, muss die Medizinindustrie immer häufiger auch Gesunde medizinisch traktieren. Global operierende Pharmakonzerne und international vernetzte Ärzteverbände definieren die Gesundheit neu: Natürliche Wechselfälle des Lebens, geringfügig vom normalen abweichende Eigenschaften oder Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaft umgedeutet. Pharmazeutische Unternehmen sponsern die Erfindung ganzer Krank-heitsbilder und schaffen ihren Produkten auf diese Weise neue Märkte.“ Mit Hilfe aufwendiger Kampagnen, die bei versierten PR-Firmen in Auftrag gegeben werden, wird dann versucht, bestimmte Zielgruppen für die neu „entdeckten“, in Wirklichkeit aber erfundenen Krankheiten zu sensibilisieren und sie dem Bewusstsein der Öffentlichkeit einzuprägen. Und das gelingt natürlich auch, wie viele Beispiele zeigen: „Krankheitserfinder verdienen ihr Geld an gesunden Menschen, denen sie einreden, sie wären krank. Ob soziale Phobie, Internetsucht, erhöhter Cholesterinspiegel, larvierte Depression, Übergewicht, Menopause, Prä-Hypertonie, Weichteilrheumatismus, Reizdarmsyndrom oder erektile Dysfunktion - medizinische Fachgesellschaften, Patientenverbände und Pharma-Firmen machen in nicht enden wollenden Medienkampagnen die Öffentlichkeit auf Störungen aufmerksam, die angeblich gravierend sind und viel zu selten behandelt werden. ... Ist eine erfundenen Krankheit erst einmal im öffentlichen Bewusstsein angekommen, zahlen Patienten und Krankenkassen wie selbstverständlich für die entsprechenden Medikamente und Therapien. Auch die aktuelle Reform des Gesundheitswesens versäumt es, mit dem Erfinden von Krankheiten aufzuräumen - einer legal abgesicherten Ausbeutung der Sozialversicherung, aber auch leichtgläubiger Selbstzahler steht nichts im Weg. Während die ausufernden Kosten das Gesundheitssystem überfordern, laufen die Geschäfte der Pharmaindustrie glänzend.“ Wären diese Dinge nicht von Medizinjournalisten und engagierten Ärzten ordentlich recherchiert und nachgeprüft worden, man würde sie nicht für möglich halten - obwohl wir in der Zeit des Dschungel-Kapitalismus von Industriefirmen ja bereits einiges gewöhnt sind! Gekaufte ExpertisenFür die Funktionäre der Krankenversicherungen ist es sicher nicht einfach, sich in diesem Labyrinth wirklicher oder erfundener Krankheiten und der zu ihrer Bekämpfung entwickelten Medikamente zurechtzufinden. Woran sollten sie sich eigentlich orientieren, wenn nicht an den „wissenschaftlich fundierten“ Aussagen universitärer Kapazitäten? Doch mittlerweile ist auch auf diese kein Verlass mehr: „Professoren deutscher Universitäten steigen wie selbstverständlich als Meinungsbildner für die Pharma-Industrie in den Ring. Diese „Mietmäuler“ (Branchenspott) streichen für einen Vortrag oder einen Auftritt auf einer Pressekonferenz Honorare in Höhe von 3000 bis 4000 Euro ein und machen offen Werbung für die entsprechenden Krankheiten und die dazu passenden Produkte.“ (Der Spiegel Nr. 33/2003 bzw. das Buch Jörg Blech: Die Krankheitserfinder – Wie wir zu Patienten gemacht werden, S. Fischer Verlag 2003. Vgl. dazu auch den Artikel in „Der Standard“ vom 21. März 2004 mit Auszügen über das in Kürze erscheinende Buch von Kurt Langbein und Elis Huber: Die Gesundheits-Revolution, Aufbau Verlag Berlin 2004) In diesem Umfeld ist es klar, dass Heilweisen außerhalb der Schulmedizin, die nicht von Pharmafirmen gesponsert werden, keine Chance haben, in die Leistungsverzeichnisse der Krankenkassen mit aufgenommen zu werden. Vormittags Schulmedizin, nachmittags heilsame AlternativenWie schizophren dieses System tatsächlich ist, zeigt die folgende Situation, die ich kaum für möglich gehalten hätte, bevor ich sie persönlich erlebt hatte: Ein Arzt, nennen wir ihn Dr. Maier, arbeitet am Vormittag als „Vertrauensarzt“ einer Krankenkassa. In dieser Funktion darf er ausschließlich schulmedizinische Behandlungen bewilligen. Am Nachmittag arbeitet er in seiner Privatpraxis, und zwar ohne Kassenvertrag. Dort verwendet er ausschließlich Behandlungsweisen außerhalb der Schulmedizin. Ich habe Herrn Dr. Maier in beiden Funktionen kennen gelernt und mich mit ihm über diese seltsame Situation lange und ausführlich unterhalten. Drei Dinge meint er genau zu wissen:
Wunschtraum AlternativmedizinIn den populärmedizinischen Fachzeitschriften, wie sie auch in vielen Arztpraxen aufliegen, werden alternative Heilmethoden nicht nur völlig gleichgestellt behandelt, sie werden sogar besonders bevorzugt, denn hier geht es ja um Kundenwerbung. Auch in der Tagespresse wird alternatives Heilen sehr oft thematisiert (vgl.dazu z.B. den Beginn von Kap. 8 „Homöopathie“) und aus Rundfunk und Fernsehen sind Sendungen über alternative Heilweisen nicht mehr weg zu denken: Alternativmedizin bringt Einschaltquoten! Klar, dass die Alternativbehandlung unter diesen Umständen für immer mehr Menschen zum Wunschtraum wird. Doch den können sich nur die wenigsten von ihnen wirklich leisten. Was nützt es daher, wenn der „Radiodoktor“ über Yin und Yang berichtet, während die Krankenkassa die Traditionelle Chinesische Medizin nach wie vor ignoriert? (31.03.2003: Ö1, 14.05: „Von Tag zu Tag - Der Radiodoktor“) SelbstbehalteDer Umstand, dass die Behandlungskosten stetig steigen, ist systemimmanent, denn nur so kann die Pharmaindustrie weiterhin steigende Gewinne lukrieren. Auch die Beschränkung auf die Schulmedizin kann die Kostenexplosion nicht verhindern Was bleibt den Krankenversicherungen daher übrig, als entweder Selbstbehalte bei der medizinischer Betreuung einzuführen oder die Krankenversicherungs-beiträge zu erhöhen? Dadurch wird die Situation aber für viele Patienten langsam brisant. Selbstbehalte in unterschiedlicher Höhe bestehen bei einigen Sozialversicherungen schon seit langem. In der Diskussion hat sich sogar gezeigt, dass viele bereits Betroffene von diesem System gar nicht abgehen wollen, aus Furcht, bei einer etwaigen Streichung des Selbstbehalts auch einen qualitativen Rückgang der medizinischen Versorgung hinnehmen zu müssen. Denkt man sich diese Argumentation logisch durch, kommt man fast von selbst auf die umgekehrte Schlussfolgerung: Neue Selbstbehalte sind nur dann gerechtfertigt, wenn damit gleichzeitig eine Verbesserung der medizinischen Versorgung verbunden ist. Diese längst fällige Verbesserung könnte und müsste in der Einbeziehung alternativmedizinischer Heilweisen in das Leistungsverzeichnis der Krankenkassen bestehen. Es ist sozial einfach nicht mehr verantwortbar, dass ein großer Teil der medizinischen Versorgung nur Privatpatienten zugänglich und auf Krankenschein einfach nicht zu haben ist. Kostenreduktion durch AlternativmedizinEine Öffnung in diese Richtung würde die Gesamtkosten der medizinischen Versorgung sogar drastisch reduzieren. Viele alternative Heilverfahren sind wesentlich billiger als manche Sparten der Schulmedizin. Hätten Patienten die Wahl zwischen beiden, wäre die erste Folge zunächst eine Kostenverschiebung: Weniger Aufwand für Apparate, mehr Zeitaufwand für persönliche Betreuung der Patienten. Längerfristig gesehen käme die Betreuung aber billiger und würde zu der von vielen Seiten geforderten Kostenreduktion und damit zu einer leichteren Sanierung der Krankenversicherungen führen. Schon aus Gründen der finanziellen Sanierung des Gesundheitssystems wäre diese Maßnahme daher dringend anzuraten. Doch grau, teurer Freund, ist alle Theorie: Warum sollten die Kassen die Kosten zu reduzieren versuchen, wenn man sie ohnedies auf die Versicherten abwälzen kann und das noch dazu der viel bequemere Weg ist? Leben mit der Zwei-Klassen-MedizinEs bleibt uns daher nichts anderes übrig, als mit der Zwei-Klassen-Medizin zu leben. Ändern werden wir sie kaum, dazu sind die Kräfte, die einer solchen Änderung entgegen stehen, einfach zu stark. Der Sinn und Zweck dieses Buches besteht also in erster Linie darin, eine Hilfe dafür zu bieten, in einer Situation, die manchmal zum Verzweifeln ist, nicht unter die Räder zu kommen. Wir dürfen den Mut nicht verlieren, sondern müssen die Sorge für unsere Gesundheit in die eigenen Hände nehmen. Wir müssen versuchen, uns in diesem Labyrinth der Heilsysteme so gut wie möglich zurechtzufinden und damit erfolgreich zu sein: Erfolgreich im Sinne der eigenen Gesundheit, an der niemand anderer wirkliches Interesse hat, sondern nur wir selbst! |